Oktober 7, 2021

Aus der Praxis – Jola’s Alltagserfahrungen


Oft verheimlicht: Tablettensucht!


Immer wieder kommen neue Bewohner zu uns ins Heim, jeder ist in einem anderen Stadium, hat eine andere Geschichte und braucht deshalb auch ganz individuelle Hilfe.

Vor nunmehr drei Monaten erschien das Ehepaar Maria und Paul bei uns, beide 80 Jahre alt. Vom ersten Augenblick an sehr nette und freundliche Menschen.  Sofort voll integriert, jeder Mitbewohner wird immer freundlich gegrüßt, beide ganz offen für das neue Heim. Auch wenn beide anfangs glaubten, sie würden in einem Kurhaus leben….


Maria stand noch ganz am Anfang der Demenz, sie nahm also das meiste Geschehen noch ganz bewusst war. Natürlich merkte man schon, dass die Demenz einsetzte und immer stärker wurde. So fand sie oft die Toilette nicht, sie zog sich immer wieder aus und rief nach ihrem Mann, der in einem anderen  Zimmer wohnte.


Einbildung von Krankheiten


Allerdings sitzt sie im Rollstuhl, läuft nur je nach Tagesform. Manchmal ist das den ganzen Tag lang so. Sie könnte also laufen, will es aber nicht immer tun. Auch das ist eine ganz typische Erscheinung bei dementiell erkrankten Personen.


Schon zu Hause hatte sie sich so verhalten, schon dort zeigte sie diese Erscheinungen. Das war für Paul unzumutbar, so dass schließlich die Kinder die Entscheidung zum Umzug trafen.


Paul war beim Einzug und ist auch heute noch gar nicht richtig dement, leidet allerdings unter leichten psychischen Störungen. Das äußert sich z.B. dadurch, dass er meint, sein rechter Arm sei nach einem Unfall - den es allerdings nie gegeben hat - gelähmt und nur noch bedingt funktionsfähig.


Das Öffnen eines Yoghurtbechers bereitet ihm extreme Schwierigkeiten, obwohl jede Untersuchung zeigte, dass alle Funktionen eigentlich nicht eingeschränkt sein.


Residenz oft eine gute Entscheidung!


Auf dem ersten Blick ein fröhlicher, immer gut aufgelegter, oft scherzender Mann. Dennoch war es für ihn auch sehr wichtig mit in die Residenz zu ziehen. Alleine zu Hause wäre er hilflos.


Manchmal unvorstellbar für die Angehörigen, denn bis zuletzt hatte Paul sich rührend um Maria gekümmert. Aber diese Zeit war sehr belastend für ihn, so dass die Entscheidung, beide in die Residenz umziehen zu lassen, unabdingbar war.


Wie gesagt, trotz der beschriebenen Probleme, die ja wirklich nicht untypisch sind, ein offenes und freundliches  Paar.


Dennoch mit einer ganz besonderen Geschichte.


Wenn Medikamente außer Kontrolle geraten...


Vor einigen Jahren wurde bei Maria Arthrose diagnostiziert. Sie bekam Schmerzmittel verschrieben, die sie viele Jahre regelmäßig einnahm. Und nicht nur das. Sie brauchte immer mehr und bat ihren Mann große Mengen Schmerzmittel zu besorgen, was dieser auch tat.


Die Folgen waren vorhersehbar und verheerend: Maria wurde stark Medikamentenabhängig, verzehrte täglich mehrere Schachteln der klassischen, frei verkäuflichen Schmerzmittel und bekam einen riesigen, irreparablen Magentumor, den sie bis heute in sich trägt.


Diese Sucht ist fürchterlich, der Süchtige verlangt ständig nach mehr und wird dadurch immer kranker. Tatsächlich war die Sucht schon viele Jahre bekannt, der Tumor hingegen wurde erst kurz vor dem Einzug in die Residenz entdeckt.


Hinzu kommt bei beiden eine Alkoholsucht. Schon morgens wird  Wein getrunken und den ganzen Tag über immer wieder ein Schluck genommen. Besonders Maria kann sich diesem Drang nach Alkohol  nicht widersetzen.


Die Angehörigen sind hilflos


Den drei Kindern, die sehr häufig Besuche abstatten, sind diese Probleme bekannt und bewusst. Aber was sollen sie tun? In der Vergangenheit haben sie offenbar versucht auf die Eltern Einfluss zu nehmen, aber nun haben auch sie aufgegeben. Sie sind aber offen, immer im Dialog und vertrauen uns, dem betreuenden Personal.


Und das ist auch gut so. Die Lebenssituation von Maria und Paul war zuhause nicht mehr tragbar. Beiden hätten sich gegenseitig zerstört.


Die Kinder waren sehr vorsorglich, ihren Eltern einen Platz in einer Residenz zu organisieren. Hier können sie mit ihren Lastern leben – aber kontrolliert. Hier bekommen sie Unterhaltung, Versorgung und Pflege, was in ihrem eigenen Haus wahrscheinlich Stück für Stück verloren gegangen wäre.


Zudem können auch die Süchte der beiden viel besser kontrolliert und eingedämmt, wenn auch nicht komplett gestoppt werden.


So erhält Maria, wenn sie wieder den Drang nach Medikamenten verspürt, nur das, was sie wirklich braucht. Ansonsten  wird sie mit Placebos versorgt, was sie wieder ruhig stellt und zufrieden macht.


Der Alkoholkonsum konnte stark eingeschränkt werden. Zum einen ist Paul nicht mehr so mobil, kann also weniger einkaufen, zum anderen hat er es auch in vielen Gesprächen gelernt, mehr auf den täglichen Konsum zu achten.


Die beiden fühlen sich nun sehr wohl bei uns, nehmen an vielen Gruppenangeboten teil, sind voll akzeptiert und leben ein recht zufriedenes Leben.


Auch für die drei Kinder,  alle um die fünfzig, war der Schritt des Umzugs, und damit der Reduzierung der Verantwortung, unglaublich wichtig. So können sie immer noch sehr nahe bei den Eltern sein, sind aber gleichzeitig befreit von der schweren Belastung, die die häusliche Pflege immer mit sich bringt.



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