April 1, 2021

Aus der Praxis – Jola’s Alltagserfahrungen


Brandgefahr!! Wie falsche Fürsorge alle in Gefahr bringt!


Ein Brand in einer Pflegeresidenz oder der Wohnung deiner Mutter ist Horrorszenario, dass niemand erleben will. Es endet häufig tödlich oder hinterlässt nicht wieder gut zu machende psychische Schäden. Es gilt also, extrem vorsichtig zu sein und darauf zu achten, dass es gar nicht so weit kommen kann!


Zuhause fängt es also an. Der Demenzkranke wird „tüttelig“, verliert nach und nach die Übersicht über seine Handlungen und verwechselt diverse Geräte des täglichen Bedarfs.


Dabei kommt es oft zu lustigen Ereignissen, wenn z.B. sich der Erkrankte plötzlich mit Zahncreme das Gesicht eincremt oder die lange vermisste Brille in einem Schuh auftaucht.


Aus schmunzeln wird bitterer Ernst...


Doch manchmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Nämlich dann, wenn es gefährlich wird und die Person sich in tödliche Gefahr begibt, etwa wenn Socken auf dem Toaster getrocknet oder ein Wasserkocher auf der offenen Gasflamme erhitzt wird. Spätestens dann ist es Zeit, die Person vor sich selbst zu schützen – und auch deren Mitbewohner im Haus.


Eine Residenz ist sicher!


In einer Residenz kann so etwas nämlich kaum passieren. Hier wird von vornherein darauf geachtet, dass die Ausstattung der Appartements dementengerecht und daher ungefährlich ist.

Zusätzlich sind ständig Pfleger und Betreuer in der Nähe die ein Augenmerk darauf haben, dass Geräte, von denen eine solche Gefahr ausgehen könnte, gar nicht in der Nähe des Gefährdeten sind. Das gehört zur Selbstverständlichkeit bei allen professionellen Betreuern.


Im Heim braucht es an nichts fehlen!


Das heißt nicht, dass es den Bewohnern an irgendetwas fehlen wird. Ganz im Gegenteil. Anders betrachtet, und so spreche ich auch oft zu „meinen“ Bewohnern, können sie sich doch diesen Aufenthalt wie eine Kur vorstellen: Man wird ständig umsorgt, bekommt viel Zuwendung und braucht sich um nichts Lästiges zu kümmern.


Doch was nützt all die Vorsorge und Vorsicht, wenn einige Angehörige meinen, sie müssten sich durch noch weiter gehende Zuwendungen auszeichnen. Es ist manchmal nicht zu fassen, mit welcher Ignoranz wichtige Grundregeln zum Schutz der Bewohner durch ebensolche übermäßige aber letztendlich dumme und falsche Fürsorge ausgehebelt wird.


Die Angehörigen bringen die Bewohner in Gefahr!


So will der Sohn von Marianne, 89 Jahre alt und dement, immer wieder seine Mutter mit elektrischen Geräten aller Art eine Freude machen. Tatsächlich finden wir immer wieder neue Toaster, Eierkocher, Campingkochplatten und - man glaubt es – selbst eine kleinen mobilen Backofen in ihrem Zimmer. Unfassbar!


Das sind keine Hilfsmittel für Demenzkranke!


Grundsätzlich kann man festhalten, dass kochen keine sinnvolle Beschäftigung für Demenzkranke darstellt. Vielmehr gehört es zu den gefährlichen Tätigkeiten, denn der Erkrankte kann die Gefahren durch scharfe Messer, heiße Herdplatten und   mehr einschätzen.


Feueralarm!


Unfassbar auch deshalb, weil regelmäßig das gleiche passiert: Feueralarm! Durch Vergesslichkeit und Falschbedienung fangen die Geräte an zu qualmen was aufgrund unserer sehr sensiblen Brandmelder sofort einen Feuerwehreinsatz auslöst.


Im ganzen Haus wird das Personal durch optische und akustische Signale gewarnt und die Brandhelfer lassen alles stehen und liegen und eilen zu dem „Brandort“.


Gleichzeitig ist bereits Feuerwehr und Polizei alarmiert und kommen mit Blaulicht und Sirene mit mehreren schweren Fahrzeugen zu uns. Es könnte ja was schlimmes sein… Meistens qualmt „nur“ ein verbranntes Brötchen im Minibackofen von Marianne, dem Geschenk ihres Sohnes.


Marianne hat meistens nichts gemerkt, denn sie schlummert selig in ihrem Sessel. Zuerst erscheinen dann die internen Brandhelfer und sehen und beseitigen natürlich sofort die „Brandursache“.


Wenn aber die Feuerwehr und die Polizei mit mehreren Männern lautstark trampelt ins Zimmer stürzen, ist der Schrecken auch bei Marianne groß. So etwas will man ihr nicht zumuten, aber die Feuerwehr muss prüfen, ob das Brötchen – bzw. das Geschenk des Sohnes von Marianne – wirklich die Ursache des Alarms ist.


Jeder Feuerwehreinsatz führt zu Verunsicherung und Angst!


Was dann folgt, ist auch nicht lustig. Marianne muss nun ein Beratungsgespräch über sich ergehen lassen. Dabei wird sie über ihr Fehlverhalten und die daraus resultierenden Gefahren aufgeklärt. Viel verstehen und umsetzen kann sie naturgemäß nicht. Was bleibt ist Stress und Unruhe.


Auch der Sohn wird nach diesen Vorfällen natürlich angerufen und informiert. Leider sieht er sein Fehlverhalten nicht ein. Er sieht auch nicht die Probleme, die er damit seiner Mutter, den Angestellten der Residenz und nicht zuletzt auch allen Bewohnern aufbürdet. Denn natürlich erleben die anderen jeden Einsatz mit, bekommen Angst und stellen Fragen. Er geht sogar so weit, dass er achselzuckend die Einsätze privat bezahlt.


Übertriebene "Fürsorge" hilft niemanden!


Ihr seht, dass mich dieses Thema besonders berührt. Übertriebene Fürsorge hilft niemandem, besonders wenn sie zu solchen vermeidbaren Problemen führt. Wir freuen uns immer über mitfühlende und mitdenkende Angehörige. Denn dann entsteht ein starkes Vertrauensverhältnis, ein verständnis- und friedvolles Miteinander. Zum Wohle des Erkrankten!

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